Nikolai Tokarev, 3. April 2017, Schwabenlandhalle, Fellbach

Montag, 03. April 2017 um 18:59 Mars Galliculus
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Gegen 11.30 Uhr holen sie mich ab. Das Vorhaben ist ja schon irgendwie Wahnsinn: Von Bielefeld nach Waiblingen für ein Klavierrecital. Ich selber wäre auf die Idee gar nicht gekommen. Wenn mich aber jemand großzügig mitnimmt in die Ferne und dabei dann auch noch gute Musik im Vordergrund steht, braucht es aber trotzdem wenig Überredungskunst, mich mit an Bord zu bekommen. Also geht die Fahrt mit Ted und Bäumchen tief in den Süden. Meine Geografiekenntnisse sind mängelbehaftet genug, dass es mich überrascht, wenn der Weg sogar schon durch den Freistaat Bayern führt.

Die Musik, die ich für die Fahrt zum Abspielen der Musikanlage im Auto eingesteckt habe, muss allerdings stumm bleiben, da Teds alter Bulli lediglich mit Kassettendeck ausgestattet ist und ich auf diese Variante dann doch nicht vorbereitet bin. Aber die Fahrt ist kommunikativ, und der musikalische Tagesschwerpunkt liegt auf dem Pianisten Nikolai Tokarev und den Komponisten Tschaikowsky und Mussorgsky.

Vor der Abfahrt in Rietberg, um mich in Bielefeld aufzusammeln, meinte Ted noch zu Bäumchen, es wäre immer klug, vor der Abfahrt zu solch einem Konzert vorher nachzuschauen, ob die Veranstaltung auch wirklich stattfinde. Schließlich könne über Nacht ja das Konzerthaus abgebrannt oder der Finger des Pianisten gebrochen sein. Aus lauter Eile ist diese Vergewisserung dann doch verschoben.

Als wir in Waiblingen ankommen, sieht das Bürgerzentrum dann tatsächlich schwer nach Brandschaden aus. Das Dach schwarz und zusammengebrochen, die Eingänge allesamt mit Gittern versperrt. Das ist uns nicht ganz geheuer. Ein Blick auf die Website des Bürgerzentrums informiert: Vor zwei Tage gab es einen Großbrand, Veranstaltungen finden vorerst dort nicht statt. Ich bleibe völlig entspannt, wie auch immer es weitergeht. Notfalls würde ich das als einen Ausflug in die Fremde verbuchen. Die schwäbische Sprache der Menschen vor Ort befriedigt schon merklich die allgemeine Lust auf fremde Kulturen. Heimat hing in Form von Plakaten für Auftritte von Ingo Oschmann und den Ehrlich Brothers allerdings auch an jeder Ecke. Ted staunt über seine prophetischen Äußerungen vom Morgen, und wir hoffen, dass Tokarev mit zwei gesunden Händen an einem Ausweichort sein Recital auf die Bühne bringen kann. „Wir essen erst einmal in Ruhe, dann kannst du mal nachschauen, ob es einen Ausweichort gibt.“ Glücklicherweise gibt es den dann vier Kilometer weiter in Fellbach. Vorher besichtigen wir allerdings die urige, an Fachwerkhäusern und kleinen Gässchen reiche Altstadt von Waiblingen und setzen uns für Kaffee respektive heiße Schokolade vor ein Eiscafé.

Die Schwabenlandhalle in Fellbach ist schnell gefunden und wir hören die ersten Klaviertöne aus dem Bühnenhintereingang herausschweben. Neugierige Menschen, die wir sind, lugen wir durch die offene Tür und sehen in der hinteren Ecke den Pianisten am Probeflügel beim Einspiel. Wir lauschen noch ein bisschen, nehmen das als Teaser mit in den Abend.

Als wir auf unseren Plätzen sitzen, hält einer der Menschen, die das Bürgerzentrum in Waiblingen betreiben eine kleine Dankesansprache zu der Hilfe, die sich nach dem Brand aufgetan hat. Eine Flasche Wein wechselt auf der Bühne noch den Besitzer und Nikolai Tokarev tritt an den Bösendorfer-Flügel. Das erste Set besteht aus dem zwölfteiligen Tschaikowsky-Werk „Die Jahreszeiten“. Von Januar bis Dezember gibt es weiche wohlig-einschmeichelnde Klänge, freundlich perlende Tschaikowsky-Melodien. Die lange Fahrt macht sich bemerkbar. Bequem im Stuhle sitzend und auf den Hinterkopf des Vordermanns blickend verfalle ich einem Dämmerzustand. Ich kämpfe dagegen an, komplett einzudösen und womöglich mit Schnarchgeräuschen die Atmosphäre zu stören. Ich bleibe erfolgreich bei Bewusstsein die ganze Zeit. Ab der Pause bin ich wieder richtig wach und munter.

Teil 2 ist nichts zum Dämmern. Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ sind mir schon seit Schulzeiten vertraut, ein All-Time-Favourite von mir und in verschiedenen Arrangements in meinem Regal zu Hause. Heute Abend also für mich auch endlich einmal live zu hören in dem Arrangement, das Mussorgsky dafür vorgesehen hat: Pianoforte solo. Bislang fühle ich mich nicht als Fachmann für die Beurteilung von Interpretationen. Allzu sehr in die Tiefe wage ich mich da nicht. Ich kann sagen, ob mich die Musik berührt oder nicht. Dies berührt mich. Es reißt mich mit, ich höre die Heiterkeit der spielenden Kinder, die Schwere des Ochsenkarrens und vor allem die Majestätik des großen Tores von Kiew. Tokarev spielt mit Präzesion, Schwung und Leidenschaft. Während des musikalischen Werks werden im Hintergrund auf eine Leinwand malerische Werke von Kandinsky projiziert. Für mich funktioniert diese Verbindung zum größten Teil nicht. Vielleicht ist es da auch einfach hinderlich, dass die schon Mussorgskys Betitelungen nicht so recht zu Kadinskys Bildern passen wollen. Ich hangele mich auch die ganze Zeit am Programmheftchen entlang, um auf Stand zu bleiben, welches Bild Mussorgsky gerade beim Komponieren vor Augen hatte, dabei fällt es schwerer, dazu widersprüchliche Bilder zuzulassen. 

Das Klavierspiel war doch die anstrengende Anreise schon wert. Aber was will ich mich über Anreise beklagen? Tokarev kam nicht bloß aus Bielefeld, sondern gleich aus Dubai. Zugaben gibt er auch noch drei: Rachmaninov, Chopin und nochmal Tschaikowsky. Bei Emerson, Lake & Palmer hörten die „Pictures of an Exhibition“ ja auch schon mit Tschaikowsky als Zugabe auf. Und dann ist er auch sichtlich erschöpft. Und ab geht es wieder gen Ostwestfalen für uns. Fünf Stunden Autobahn. Unterwegs überholen wir über die ganze Strecke verteilt zwei Lkw und zwei Busse des Showmagier-Duos Ehrlich-Brothers. Erst staunen wir darüber, mit welch mächtiger Entourage und Gepäck die unterwegs sind. Dann kommt mir die Lösung: Das sind keine vier Fahrzeuge. Das ist ein Zaubertrick. In Wirklichkeit ist das insgesamt nur ein halber Bus.


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Aktualisiert ( Dienstag, 04. April 2017 um 05:18 )