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Halfter, süßes Paardenhoofdstel - Notdurft-Songs im Original

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Anlässlich der Zusammenstellung von Notdurft-Videos und Demoaufnahmen, hab ich mich noch einmal zur Recherchezwecken in die Datenfluten des Internets geworfen. Denn noch hatte ich die Ursprünge der Stücke „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“ und „Heimat, süße Heimat“ nicht bis zum tiefsten Grunde erforscht. Nun da ich scheinbar wirklich bis an die Wurzeln geraten bin, will ich doch gleich davon kundtun.

Kein wirklich gar so schwerer Fall ist das „Pferdehalfter“. Man kennt es am ehesten noch von Bruce Low, dem sonoren Niederländer aus Surinam. Dessen Version von 1957 diente auch als Vorlage für das Notdurft-Cover. Doch bereits 1952 sangen bereits andere Niederländer dieses Stück: Die Kilima Hawaiians, die einfach mal für ein paar Platten von Hula-Sängern zu Cowboys mutierten. Neben einer deutschen Version mit grandiosem Spoken Word Part gibt es von jener Band auch noch „Er hangt een paardenhoofdstel aan de muur“. Es ist also anzunehmen, dass es eine holländische Fassung vor der deutschen gab. Der deutsche Text jedenfalls stammt von einem gewissen Rolf Winn, über den ich leider gerade nicht mehr herausfinden kann, als dass er eben diesen Text verfasst hat. Aber im Prinzip war das bloß eine reine Übersetzungsarbeit, denn vom zugrundeliegenden englischen Text „There's a Bridle Hanging on the Wall“ ist er so gut wie garnicht abgewichen – soweit ich das jetzt aus flüchtiger Analyse beurteilen kann. Aber mit dem „Bridle“ wären wir dann bei der ultimativen Urversion angekommen. Und damit befinden wir uns im Jahre 1936, da nämlich besang Hillbilly-Barde Carson Robison (nicht Robinson!) in eigener Komposition den Verlust eines Ponys. Bei ihm war die dazugehörige Cowboy-Attitüde auch sicher weniger aufgesetzt als bei den Holländern.

Ein weiteres Lied mit langer Geschichte im Repertoire von Notdurft war das von der „süßen Heimat“. In der frühen 80ern war das Stück mal auf zwielichtigen Tapesamplern gelandet und hat dadurch auch einmal unliebsames Nazi-Publikum angelockt, dass nur darauf gewartet hatte, dieses Stück abzufeiern und dann wieder zu verschwinden. Wahrscheinlich hat gerade dieses Stück (neben „Amis“) in den 90ern die unselige Diskussion darüber bestärkt, ob Notdurft eine Fascho-Combo gewesen sei. Die Bravo hat anno '92 nicht groß nachgefragt, sondern das einfach als Fakt jungen Lesern vor die Füße geknallt. Und ich muss zugegeben, dass sich dadurch der Name erstmal als Schmuddel in mein Unterbewusstsein gegraben hat. Als ich ihn dann wieder auf der ersten Hacker-Single gelesen haben, ist es mir gleich negativ aufgestoßen, dass dort diese vermeintlichen Nazis gegrüßt wurden. Aber ich sollte später eines weitaus besseren belehrt werden.

Immerhin hat die Bravo den Böhsen Onkelz im besagten Artikel sehr schön den Spiegel vorgehalten, mit einer Formulierung, dessen Zweideutigkeit der eines Stephan Weidner ebenbürtig ist. Es wurde nämlich behauptet auf dem damaligen Onkelz-Album sei „nur schwer nazistisches Gedankengut“ zu finden. Schließlich wurde auf ebenjener Platte getextet „Es ist ein langer langer Weg, und es wird Zeit dass man ihn geht“ ohne auch nur irgendwie klarzumachen, um welchen Weg es sich handelt – Der Weg von der kleinen Punkband zu gefeierten Rock-Stars? Und ein paar Jahre später schreibt der Weidner „ich seh braune scheiße töten“, einen Satz der sich erst durch die nichtvorhandene Groß-/Kleinschreibung mit dem wahren Inhalt füllen würde. „Ich hör hirnlose Parolen von Idioten und Verlierern“ kann man hingegen schreiben, wie man lustig ist – eine eindeutige Aussage bekommt man da nicht hinein. Es ist garnicht unclever, durch das Weglassen elementarer Aussagen in gewichtig klingenden Sätzen den Eindruck zu erwecken, es wäre genau das gesagt worden, was man selbst erwartet hat zu hören. Zu Antifaschisten werden die Böhsen Onkelz erst in den Köpfen der Hörer. Aber ich schweife ab.

Wieder zurück zu „Süße Heimat“. Besagtes Notdurft-Stück hat sich kein Mitglied der Band ausgedacht, zumindest nicht den Text. Basser Jones sagte mir, er kannte die Quelle nicht, das wäre halt ein Song gewesen, den Thomas irgendwann angeschleppt hat. Woher der das kannte, kann man ihn nun nicht mehr fragen. Ein wenig Recherche bringt aber schon das Wissen, dass es sich um ein Küchenlied bzw. eine Moritat mit dem Titel „Sie war ein Mädchen voller Güte“ handelt, die eigentlich sechs Strophen besitzt, wovon Notdurft die erste Hälfte umgesetzt hat. Bohrt man aber noch etwas tiefer, so landet man in der Zeit um 1900 und aus der Moritat wird das richtig unangenehme Soldatenlied „Ein Mädchen kam vom Lande“, das einem leicht sauer aufstoßen kann. In dem Stück zieht ein abenteuerlustiges Mädel auf nach Berlin, um dort das süße Leben zu genießen und sich von sinnvollen Beschäftigungen fern zu halten. Weil sie so ein liederliches Leben führe, wird sie des Leutnants Vergewaltigungsopfer und dabei obendrein schwanger. Ein Selbstmordversuch misglückt. Am Ende gibt sie ihrem Heimweh nach und gebärt einen Sohn, der ohne Vater aufwächst. Der Text dieses Liedes stellt sich moralisch gegen das Mädchen und beschönigt die Vergewaltigung als verdient.

Erst in der späteren Fassung erfährt das Mädchen Solidarität, denn nun ist sie „voller Güte“, von Faulheit und Hedonismus ist nicht mehr die Rede. Stattdessen wird sie mit Zuckertüten verlockt und als sie sich ertränken will, macht sich der Leutnant gar über sie lustig. Die Vergewaltigung wird hier auch nicht in jener hämischen Weise dargestellt wie in der Ursprungsversion, allerdings auch nicht so eindeutig. Auch der Ort, an den es sie verschlagen hat wechselt. War es ursprünglich mal Berlin, so verlagerte sich die Handlung nun an den Rhein. Dass das Mädchen ihre Heimat ganz freiwillig verlassen habe, fällt komplett weg. Der Refrain vermittelt nun eher genau gegenteiligen Eindruck. Also insgesamt eine interessante Wandlung, die dieses Stück mitgemacht hat. Ich habe lange nach einer Aufnahme gesucht, bis ich nun endlich eine auftreiben konnte. Eine alte Schellack-Aufnahme vom Hamburger Sänger Richard Germer befindet sich nun auf der Compilation „Schauderhafte Moritaten“, so dass ich dieses Volkslied auch endlich in einer taditionellen Version zu hören bekomme. Das dick aufgetragene Arrangement mit Chören und Pipapo hat aber sicher auch nicht viel mit dem alten Bänkelsänger-Vortrag zu tun – und mit der singenden Magd in der Küche schon garnicht. In den 70er Jahren gab es eine Fassung von Insterburg & Co (mit Karl Dall), die melodisch bei Notdurft Pate gestanden zu haben scheint und bereits den Text mit einem Augenzwinkern interpretiert.
 
Ein Mädchen kam vom Lande

Ein Mädchen kam vom Lande,
ein Mädchen wunderschön.
Sie trennte sich vom Heimatlande,
um sich die Stadt mal anzusehn.
 
Da rief sie Heimat, schöne Heimat,
wann kann ich dich wiedersehn?
Da rief sie Heimat, schöne Heimat,
wann kann ich dich wiedersehn?
 
Sie wurde Magd bei reichen Leuten,
sie aber wollte hoch hinaus,
die Arbeit lockt sie nicht, nur Freuden,
sie suchte des Lebens Saus und Braus.
Da rief sie ...
 
Von nun an trug sie seidne Kleider
und ging spazieren in Berlin,
der großen Stadt,
doch warf sie leider ihr Schicksal hoch,
und sie war hin.
Da rief sie ...
 
Es kam der Leutnant von der Garde,
der lud sie ein zum Maskenball:
Die schönste Maske sollst du tragen,
von allen, die dort sind in dem Saal.
Da rief sie ...
 
Als nun der Maskenball zu Ende,
da schlief sie ein, das war ihr Pech.
Da kam der Leutnant von der Garde
und raubte ihr die Unschuld weg.
Da rief sie...

Sie seufzte, schrie, und war verzweifelt,
ins tiefste Wasser wollt sie gehn.
Jedoch der Fluss war zugefroren
und keine Öffnung war zu sehn.
Da rief sie ...

Nun hat sie all ihr Glück verloren,
nun kehrt sie heim ins Heimatland.
Ein Kindlein wurde dort geboren,
den Vater hat es nie gekannt.
Da rief sie ...
 

Sie war ein Mädchen voller Güte
 
Sie war ein Mädchen voller Güte
und naschen tat sie auch sehr gern
bekam so manche Zuckertüte
von einem hübschen jungen Herrn.

Da rief sie: Heimat, süße Heimat,
Wann werden wir uns wiedersehn?

Da kam der Leutnant von der Garde
und lud sie ein zum Maskenball:
bei uns ist heute Maskerade,
und du sollst meine Tänzerin sein.

Da rief sie ...

Vom vielen Tanzen war sie müde,
sie legt sich nieder auf ein Bett,
da kam der Leutnant von der Garde
und raubte ihr die Unschuld weg.
Da rief sie ...

In Stücke wollte sie sich reißen,
ins tiefste Wasser wollt sie gehn.
jedoch der Rhein war zugefroren,
und keine Öffnung war zu sehn.

Da rief sie ...

Da kam der Leutnant von der Garde
und sprach zu ihr: Mein liebes Kind,
mit dem Ertrinken mußt du warten,
bis daß die Wasser offen sind.

Da rief sie ...

Nun hat sie all ihr Glück verloren,
nun ging sie heim ins Vaterland,
dort hat sie dann das Kind geboren,
den Vater hat es nie gekannt.

Da rief sie...

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Aktualisiert ( Montag, 23. November 2009 um 17:55 )